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Selbstbestimmung

Ich habe sehr lange gebraucht, um mein eigenes Leben leben zu dürfen.

Das Wort finden

Anfang 2007 suchte ich im Netz nach Begriffen wie „Transidentität“, „Transsexualität“ und „Transgender“. Die Berichte und Blogs erzählten fast eins zu eins, was ich erlebt hatte. Ich habe das damals zum ersten Mal ausgesprochen, gegenüber meiner Schwester und meiner Schwägerin, aber nicht als Coming-out, es war zu beiläufig. Ich stürzte mich in Second Life, wo ich zum ersten Mal als Frau leben konnte. Mein Avatar hieß Criz Runo, und der Name Christin geht auch auf ihn zurück.

Oktober 2015

Am 15. Oktober 2015 begann ich bei der Akademie für Sport und Gesundheit in Radolfzell. Am Abend schrieb ich an meine Familie die Mail, die ich schon Monate zuvor als Entwurf geschrieben hatte. Als Namen wählte ich Christin, als zweiten Sophie, spontan. Am nächsten Morgen kam ich mit Perücke und Schminke ins Büro und erklärte es meinen Chefs und Kollegen in der Mittagspause. Es gab nur Akzeptanz. Diese Toleranz war der Hauptgrund dafür, dass ich heute die Frau bin, die ich immer schon war. Seit dem 16. Oktober 2015 ging es mir plötzlich richtig gut. Ich war vorher extrem introvertiert und hatte kein Selbstvertrauen.

Der Weg durch die Behörden

Im Januar 2016 begann meine Psychotherapie, 18 Monate waren Voraussetzung für alles Weitere. Im Sommer 2016 begann ich mit der Hormonersatztherapie. Den Antrag auf Vornamens- und Personenstandsänderung stellte ich im April 2016 am Amtsgericht Konstanz, es folgten zwei Gutachten nach dem damaligen Transsexuellengesetz. Am 3. November 2016 war die Anhörung, der Richter sprach mich als „Frau Löhner“ an. Am 11. November 2016 wurde der Beschluss rechtskräftig. Seitdem bin ich vor dem Gesetz Christin Sophie Löhner und weiblich. Das TSG wurde mehrfach vom Bundesverfassungsgericht in weiten Teilen für verfassungswidrig erklärt, und ich musste mich trotzdem durch dieses Verfahren quälen.

Meine geschlechtsangleichende Operation hatte ich am 22. Januar 2018, eine Korrektur im August 2018. Im Februar 2019 folgte ein Brustaufbau. Nach der ersten Operation habe ich auf meinem Blog darüber geschrieben, und das Pflegepersonal der Station kannte ihn. Mit der Operation begann ein Leben, das sich endlich richtig anfühlte. Endlich fühlte es sich so verdammt richtig an.

Selbsthilfe, Aktivismus und Sichtbarkeit

Im Umkreis von hundert Kilometern gab es keine Selbsthilfegruppe für trans* Menschen. Also gründete ich im Herbst 2016 selbst eine: Am 14. Oktober 2016 war das erste Treffen der Trans* SHG Hegau in Radolfzell. 2020 wurde daraus der bundesweite VDGE e.V., der 2026 aufgelöst wurde. Seit Ende April 2016 helfe ich anderen trans* Menschen, so gut ich kann.

2017 arbeitete ich im CSD Konstanz mit und stand im Juli vor rund 7.000 Menschen auf der Bühne. Im November hielt ich meinen ersten Vortrag an der Universität Konstanz. 2018 wurde ich Erste Vorsitzende des CSD, es folgten Fernsehen, Zeitungen, im Oktober die Hochzeit mit Michelle und 2019 die Barbara Karlich Show im ORF. Im selben Jahr bin ich bei der Oberbürgermeisterwahl in Konstanz angetreten, 2020 zog ich mich zugunsten eines Kandidaten mit ähnlichem Programm zurück.

Ich will nicht im Verborgenen leben. Ich bin viel zu stolz darauf, trans* zu sein.

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